Bewegtes Verstehen

Meine Lebens-Forschungsreise hat mich nach einer Phase reiner Theoriearbeit besonders durch die Erfahrung von Tai Chi Chuan, Qi Gong und Somatics (wieder) vom Kopf auf die Füße gestellt, so dass ich inzwischen theoretische Reflexion und Körper-/Leiberfahrung als eine Einheit somatisch fundierten Erkennens und Verstehens begreife. Meine Forschungsthemen entstanden (und entstehen) dabei geleitet von Staunen, Störungen, Irritationen, Neugier, Begehren, Begegnungen, Erfahrungen und Zufällen an diversen Schnittstellen und Reibungsflächen persönlicher sowie gesellschaftlicher Fragestellungen.
Neuere wissenschaftliche und philosophische Ansätze wie Leibphänomenologie und Embodiment-Forschung zeigen, dass es eine somatische Grundlage gibt, die soziales Verstehen, Kommunikation und Intersubjektivität überhaupt erst ermöglicht und damit die Basis unseres Selbst- und Weltverhältnisses bildet. Entsprechend ist es theoretisch wie praktisch wichtig, diese Grundschicht unseres Fremd- und Selbstverstehens genauer zu erfassen und gegenüber dem traditionellen Vorrang theoretischen Wissens und Verstehens als fundamentale Erfahrungsdimension geltend zu machen.
Ein wesentliches Ziel meiner Forschungen besteht entsprechend darin, einen Brückenschlag zwischen Reflexion und Sinnlichkeit, aber auch Theorie und Praxis möglich zu machen und das theoretische Verstehen und Wissen wieder an somatische Erfahrungen rück- und anzubinden. Dies beschäftigt mich in unterschiedlichen Kontexten, insbesondere auch an der Somatischen Akademie Berlin.  
Dabei geht es mir vor allem auch darum, die Aufmerksamkeit der Teilnehmenden auf ihre eigenen somatischen Erfahrungen zu lenken sowie ein genaues und erfahrungsnahes Beschreibungsvokabular für diese zu finden bzw. jeweils für sich und in der Gruppe entwickeln zu lassen.
Besonders wichtig ist dabei für mich die ‚unhintergehbare Bezogenheit‘, dass also ‚Beziehung das fundamental Erste ist‘, was aber nicht per se eine harmonische oder emphatische Beziehung bedeutet, sondern unterschiedliche Qualitäten haben kann. Wir alle sind immer schon in einen Zusammenhang geboren, stehen also nicht als isolierte Subjekte der Welt und einander gegenüber und erfahren die Welt nicht als isolierte Reize oder Informationen, sondern als holistischen Erlebenszusammenhang, der immer schon Bedeutung für uns hat.
Maurice Merleau-Ponty hat dazu von ‚Zwischenleiblichkeit‘ geschrieben: Als empfindender, spürender, und zugleich empfundener und gespürter Leib-Körper sind wir immer schon in eine von Qualitäten und Bedeutungen strukturierte Welt eingebettet. Durch diese ‚Verschränkung‘ oder ‚Verflechtung‘ von Leib und Welt bzw. Mitmenschen, aber auch von Natur und Kultur, können wir überhaupt erst erkennen und verstehen, so wie sich umgekehrt die Bedeutung bzw. der Sinn der Welt in unserem Wahrnehmen und Handeln ausdrückt. Dieses leibgebundene Erschließen und Verstehen sowie die damit eng verbundene leibliche Resonanz ist der Vernunft vorgängig und entwickelt sich meist in einem Prozess von Frage und Antwort, einer fundamentalen ‚Responsivität‘.
Damit ist ein für mich zentraler Aspekt genannt, nämlich Antwortfähigkeit als Grundbedingung menschlicher Existenz. Durch sie wird ein prozessuales und unabgeschlossenes Verstehen möglich, das ein Überlassen an das ‚Nicht-Wissen‘ und den ‚Zwischenraum‘, in dem dieses Verstehen überhaupt erst entsteht, nicht nur einbezieht, sondern zur Voraussetzung hat.  Ein solches Verstehen nimmt sein Ziel und Ende nicht vorweg, sondern bleibt ‚im Fluss‘ und gibt die vorgefertigten Konzepte und Vorstellungen vom Anderen auf. Es ist ein Verstehen, das sich dem ‚Transit der Begegnung‘, d.h. dem ‚Zwischenraum‘ des Nicht-Wissens überlässt, um nicht nur wieder bei den eigenen Vorstellungen vom Anderen und damit bei sich selbst, sondern wirklich beim Anderen zu landen.  Ein Verstehen, das den Zwischenraum als einen ‚open space‘ begreift, in dem sich alles Mögliche ereignen kann.
Das kann zu einer somatischen Wachsamkeit und persönlichen Haltung führen, die Egozentrismus und Anthropozentrismus relativiert und die Solidarität verkörperter endlicher Wesen ermöglicht.